Kazu Huggler und die starken Frauen von Rikuzentakata

Ausdauer, Langlebigkeit und Gedeihen – Hierfür steht die Arbeit des Vereins Three Cranes Association von der schweizerisch-japanischen Modedesignerin Kazu Huggler. Eine Gruppe von Frauen, die nach dem Tsunami 2011 alles verloren hatten, finden im Projekt „Tohoku Grandma“ in Zusammenarbeit mit Kazu Huggler neue Lebensfreude und Hoffnung. Doch wie hat der Brückenschlag der ganz besonderen Art zwischen Japan und der Schweiz seinen Anfang gefunden? Gehen wir zurück, als alles begann.

Nachdem der Tsunami im Jahre 2011 immense Zerstörung über die japanische Hafenstadt Rikuzentakata gebracht hatte, verloren viele Einwohnerinnen ihre Tätigkeit in der Landwirtschaft und Fischerei. Doch in dieser Zeit der deprimierenden Leere und Hoffnungslosigkeit fand sich eine Gruppe von nach vorne blickender Frauen zusammen, um in einer vom Tsunami verschonten Fabrik in Handarbeit gefertigte Textilaccessoires herzustellen, mit denen sie ihren Lebensunterhalt verdienten. Unterstützung bekamen die Frauen von Chieko Watanabe, Gründerin und CEO der japanischen Firma Avanti, welche Biobaumwolle importiert und verarbeitet. Chieko Watanabe gründete daraufhin das Tohoku Grandma Project, welches zum Symbol des Wiederaufbaus der Region aufblühen konnte.

Wie kam es nun zu der Zusammenarbeit der Tohoku Grandmas und der Modedesignerin Kazu Huggler? Die Schweizerin mit japanischen Wurzeln besuchte die von der Katastrophe überwältigte Region vor zwei Jahren und fühlte sich angesichts des Ausmasses der Zerstörung mit einer grossen Ohnmacht konfrontiert. Kazu Huggler machte sich durch die tiefe Betroffenheit viele Gedanken, wie sie den Menschen in Not helfen konnte. So schenkte sie fünf Nähmaschinen, die von Bernina gestiftet wurden, an die Takata High School, um einen Hoffnungsfunken zu versprühen. Dazu erzählt Kazu Huggler: „Ich wollte dadurch die Schüler ermuntern, nicht aufzugeben, indem ich ihnen ein bisschen von meiner Freude am kreativen Schaffen mitteilte. Vielleicht würde es helfen, an die Zukunft zu denken in trostloser Gegenwart.“ Diese Geste verdeutlicht, dass der Weg zurück in die Normalität nicht nur mit wichtigen Spenden einhergeht, sondern auch mit der direkten persönlichen Unterstützung der Menschen vor Ort. Doch Kazu Huggler merkte bald, dass neben den Kindern auch den Eltern geholfen werden muss, in einen gesunden Seelenzustand zurückzukehren, denn „das Wohl der Kinder ist stark von ihren Eltern abhängig“. So ist es essentiell, dass auch die Erwachsenen wieder einer Aufgabe nachgehen können, damit ein echter Wiederaufbau der Gesellschaft in Rikuzentakata in Gange kommen kann.

Kazu Huggler machte sich auf die Suche nach einer solchen Zusammenarbeit und wurde auf das Tohoku Grandma Project aufmerksam, welches sie im Januar 2013 erstmals besuchte. Sie überbrachte den Damen weitere Nähmaschinen von Bernina, damit die Produktion schneller vonstattengehen konnte. Doch nicht nur das, Kazu Huggler zeigte den engagierten Frauen, wie sie mit lokalen Materialien textile Accessoires mit hoher Qualität herstellen konnten, beispielweise wunderschöne Beutel, Tragtaschen oder Nadelkissen. Diese mit Liebe gemachten Produkte werden über Kanäle in Rikuzentakata und dem Bernina Shop in Zürich verkauft. Die Blumen des Wiederaufbaus, wie sie sich selbst nennen, können nun wachsen und die Welt mit ihren Produkten erfreuen.

Der Höhepunkt der Zusammenarbeit spiegelte sich mit dem Besuch der Tohoku Grandmas bei Bernina Zürich, wo sie den begeisterten geladenen Gästen ihr japanisches Kunsthandwerk vorführten. So nähte Masako Oikawa, welche 40 Jahre lang die Kunst des professionellen Kimononähens ausübte, einen Sommer-Kimono aus Yukata-Baumwolle und zeigte dabei traditionelle Nähtechniken, bei denen auch Füsse und Knie zu Hilfe genommen werden. Auch zeigte Shigeko Kanno, wie man Furoshiki aus bedruckten Stoffen näht und wie man sie anschliessend durch kunstvolles Falten und Knoten zu schönen Geschenkverpackungen verwandelt.

Das Projekt mit den Tohoku Grandmas ist kein kurzes Abenteuer, sondern gezielt auf Nachhaltigkeit angesetzt. Kazu Huggler sieht ihre Arbeit nicht als Wohltätigkeit, sondern als Zusammenarbeit auf Augenhöhe. „Die Zeit des Mitleids ist vorbei und der Weg in die Selbstständigkeit hat nun begonnen.“ Ganz im Sinne der drei Kraniche – Ausdauer, Langlebigkeit und Gedeihen – können die Blumen des Wiederaufbaus nun erblühen und mit ihrem Tun den wahren Sinn offenbaren.

Wer dazu beitragen will, dass das Tohoku Grandma Projekt zum Erfolg wird, kann unter ThreeCranesAssociation.com  Mitglied des Vereins Three Cranes Asscociation werden oder die Frauen in Rikuzentakata mit einer Spende unterstützen.

Bilder: Oikawa Masako näht einen Sommer-Kimono.
Bilder: Shigeko Kanno näht Furoshiki, welche sich durch Knoten und Falten zu Geschenkverpackungen verwandeln.


Text: Linda Roniger
Fotograf: Matthias Fluri