Der schwere Aufstieg in die Chefetage ist nur gerade der Anfang: Da zu bleiben, ist eine ebenso grosse Herausforderung. Nur wenige Frauen schaffen es, sich über Zeit zu behaupten, eine Gefolgschaft hinter sich zu bringen und erst noch Resultate zu verbuchen. Gelingt dies, dann können sie konkrete Erfolge aufzeigen, ihre Position festigen und ihre Karriere weiter ausbauen. Was machen denn diese Frauen richtig?

Nicht nur, dass diese Leaderinnen sehr sichtbar – und damit auch stets unter intensiver Beobachtung sind, sie spielen mit in einem Spiel, dessen Spielregeln von Männern entwickelt wurden, dessen Sprache dem Militär entstammt und dessen Erfolgskriterien hochgradig wettbewerbsorientiert sind. Da kann es schon mal geschehen, dass frau sich verleiten lässt, im Stil ihrer Vorbilder und Mentoren aufzutreten: bewusst männlich, kämpferisch und kompetitiv. Aber nein! – Gerade die erfolgreichsten Führungsfrauen sind auch noch fröhlich, entspannt, gut gelaunt und gesund, denn eines haben sie gelernt: Wer hart spielt, der muss gut geschützt sein, und wer gewinnen will, der hat den Fokus auf dem Gelingen und lässt sich von Rückschlägen weder den Tag vermiesen noch sich aufhalten.

Eines sei vorweggenommen: Männer sind nun mal besser in den Spielen, die sie selber entworfen haben. Frauen können da zwar weitgehend mithalten, aber auf höchstem Niveau zu gewinnen, dürfte eher schwierig werden. Männer holen Frauen nicht in die Chefetage, weil sie zweitklassige Männer, sondern weil sie, der Diversity zuliebe, die bekanntlich zu besseren Resultaten führt, erstklassige Frauen um sich haben möchten. Diversität heisst Vielfalt und genau das fehlt der dunkelgekleideten, krawattierten Büro-Oberschicht.

Frauen brauchen also eigene Spielregeln, welche in sich erfolgreich sind und die bestehenden Spitzenkompetenzen der Führungscrew wettbewerbsentscheidend ergänzen. Zentral dabei ist, dass Frauen (auch) auf der C-Etage sowohl intern wie extern gut kooperieren.

Wie Du mir, so ich Dir!

Eine gute Strategie dazu ist „Tit for Tat“ (etwa mit „Wie du mir, so ich dir“ zu übersetzen). Sie wurde seinerzeit von Robert Axelrod erforscht und für die langfristige Kooperation optimiert. Tit for Tat umfasst vier Prinzipien:

1. Wenn Sie eine Zusammenarbeit initiieren, dann gehen Sie offen, vertrauensvol, hilfsbereit und freundlich auf den Anderen zu.
Das klingt zwar sehr banal, ist bei näherem Hinschauen im täglichen Leben aber gar nicht so selbstverständlich. Wie oft haben wir eine verborgene Absicht, oder wir wollen einen eindimensionalen Nutzen erzielen. Wie oft wollen wir gewinnen oder für uns und unsere Sache einen Vorteil erwirtschaften, ohne an die Kosten auf der andern Seite zu denken. Manchmal sind auch die Andern egozentrisch gesteuert und wir verlieren – denn wo Gewinner sind, gibt es immer auch Verlierer. Diese Erfahrungen führen mit der Zeit dazu, dass wir Menschen mit Vorbehalt und Misstrauen begegnen und sehr vorsichtig werden. Statt offen und wohlwollend aufeinander zuzugehen, sichern wir uns ab und halten uns zurück. Doch Gewinnerinnen sind vorausdenkend, aktiv und ergreifen die Initiative! Gute Beziehungen, tragfähige Netzwerke und langfristige Allianzen können Sie nur dann schmieden, wenn Sie eine Persönlichkeit sind, mit der man gerne zusammen ist, auf die mann und frau sich verlassen können und mit der zusammen für beide Seiten gute Resultate erzielt werden.

2. Falls Ihr Gegenüber jedoch nicht kooperiert (in der Fachsprache heisst das „defektiert“), geben Sie in der gleichen Währung zurück.
Offen, freundlich, hilfsbereit und vertrauensvoll zu sein, heisst nicht, dass Sie ein Gutmensch werden und sich ausnutzen lassen sollen, denn so würden Sie mit der Zeit jeglichen Respekt von Ihren Managerkollegen verlieren und könnten sicher nicht auf der C-Ebene bestehen. Sie würden mit Bestimmtheit auch ausgenützt werden, denn Sie wären für jeden Wirtschaftshai eine gefundene Beute! Es gilt also, Ellbogen zu haben und diese bei Bedarf auch auszufahren. Sprechen Sie das Geschehene an, bestrafen Sie das Unrecht wo nötig und bestehen Sie auf Wiedergutmachung. Selbst der gewaltlose und friedliebende Mahatma Gandhi meinte: „Die Nichtzusammenarbeit mit dem Schlechten gehört ebenso zu unseren Pflichten wie die Zusammenarbeit mit dem Guten.“

3. Seien Sie nachsichtig!
Unmittelbar nach Ihrer Revanche wechseln Sie wieder zu kooperativem Verhalten. Seien Sie wieder umgänglich und verhalten Sie sich wieder fair. Das bedingt auch, dass Sie die Bestrafung des Defektierens nicht zu hart aufgleisen und auch nicht eskalieren. Es reicht meistens, wenn Sie das Unrechte ansprechen, den Missbrauch offenlegen und eine sinnvolle Entschädigung verlangen. Es sollte so sein, dass Ihr Gegenüber sich zwar etwas schämt fürs Defektieren und idealerweise auch entschuldigt, aber doch der Ansicht ist, mit einem blauen Auge davongekommen zu sein. Andernfalls besteht die Gefahr von Eskalation, d.h. dass Sie wiederum die doppelte Portion auf die Mütze kriegen, was Sie dann wiederum ahnden müssten, und so weiter bis zum Totschlag. Wirtschafts- und Völkerkriege bieten gute Beispiele dafür. In einem kleinen Land wie die Schweiz, in welchem man sich in den unterschiedlichsten Konstellationen stets wieder begegnet, lohnt sich das nicht: Sie möchten zwar ernst genommen und respektiert, aber trotzdem gemocht werden. Reichen Sie nach einem Disput folglich als Erste die Hand zur Versöhnung und machen Sie es der/dem Andern leicht, wieder einzulenken.

4. Bleiben Sie verständlich und transparent!
Sowohl in der Erziehung von Kindern wie auch in der Dressur von Tieren gilt: Wenn ich bestraft werde, dann muss ich wissen wofür. Warum sollte dies auf Managementebene anders sein? Intervenieren Sie deshalb unmittelbar und offen. Raffinierte und verdeckte Rachestrategien sind schon deshalb weniger zielführend, weil Ihr Gegenüber die Zusammenhänge gar nicht mehr herstellen kann und Ihr Verhalten damit auch nicht nachvollziehen kann. Indirektstrategien und zeitlich stark verzögerte Vergeltungsschläge schädigen das Betriebsklima und zerstören nachhaltig die Beziehungen, während transparente und klar nachvollziehbare Vergeltungsschläge eher als fair empfunden werden.
FAZIT:
Je offener und direkter Sie Ihre „Tit for Tat“-Strategie leben, desto schneller werden Ihre Kolleginnen und Kollegen merken, dass sie bei Ihnen die besten Karten haben, wenn sie kooperativ, ehrlich und konstruktiv handeln. So schaffen Sie sich eine Umgebung, welche menschlich angenehm und gleichzeitig kraftvoll ist. Damit werden Sie als starke UND faire Führungskraft wahrgenommen und behandelt und können langfristig auf eine breite, unterstützende Basis zählen, was letztlich Ihren Führungserfolg bestimmt. «

Christina Kuenzle*Christina Kuenzle ist Unternehmerin und betreibt mit ihrer Firma Choice Ltd. seit Jahren erfolgreiches Business & Executive Coaching. Als Gastautorin von Ladies Drive wird sie ihr reiches Wissen in den nächsten vier Ausgaben etwas an uns preisgeben.

 


Text: Christina Kuenzle
Fotos: Günter Bolzern