Uff. Ist Business Resilience so was wie eine Mission Impossible? – Nein. Wenn ihr aufmerksam bleibt und genauso viel Disziplin und Fokus dabei aufbringt, euch selbst was Gutes zu tun, so wie ihr eure To-dos im Job erledigt, dann bleibt ihr auch gesund. Klingt nach einem anstrengenden Artikel, den zu lesen ihr bereit sein müsst. Oder habt ihr noch nicht genug gelitten? – Ach. Nur so eine Frage.

Resilienz – Karriere – Gesundheit – Stress (-bewältigung): ein unseliger Kreislauf

Im Job, um meinen Verlag, Ladies Drive und alle anderen Produkte zum Erfolg zu führen, bin ich die letzten 15 Jahre (und schon zuvor) regelmässig über meine Grenzen gegangen. Ich hab es getan und es sogar kultiviert und zelebriert. „Schmerz führt dazu, dass ich mich wieder fühle“, pflegte ich ritterlich zu sagen. Jaja – stimmt durchaus, aber das Problem war, dass ich a) mich nicht freiwillig dazu entschieden habe, über meine Grenzen zu gehen, sondern von aussen getriggert wurde, es zu tun, weil ich mich schlicht und ergreifend hab treiben lassen – von Kunden, Mitarbeitern, Deadlines, To-dos, E-Mails und natürlich vor allem von mir selbst. UND b) diesen Schmerz und alles, was danach in der Konsequenz über mich hereinbrach, komplett unbewusst wahrnahm. Spätestens, wenn wir unter dem Druck zusammenbrechen, fühlen die meisten sich als Opfer und tun sich zumal ein bisschen leid dabei. Wären wir indes resilient genug, wären wir auch klug und umsichtig genug, es gar nicht so weit kommen zu lassen. Und um es eben nicht so weit kommen zu lassen, gibt es so die eine oder andere Strategie – aber auch mindestens ebenso viele Stolpersteine.

Wann ist es einfach mal gut? Wann ist genug Geld verdient und Karriere gemacht? Immer mehr, immer höher, immer weiter – und wenn wir das erreicht haben, ist es längst nicht mehr genug. Diese Fragestellung nach dem „Wann ist denn eigentlich genug?“ ist nicht neu. Aber wohlmöglich sind viele von uns sich noch nicht bewusst darüber. Es ist eine Frage, die mich ehrlich gesagt umgetrieben hat. Ich war im wahrsten Sinne des Wortes getrieben – manchmal wusste ich nicht mal, von wem oder was. Ich war immer in Eile. Immer im Stress. Ich tat alles irgendwie gehetzt und schnell, sogar Pipimachen, und meist hab ich versucht, multitaskingmässig unterwegs zu sein. Weil ich keine Zeit für gar nichts hatte, auch nicht für Sport, hab ich zumal beim Zähneputzen versucht, zwei Minuten lang Kniebeugen zu machen, in der Badewanne hab ich was auf Facebook gepostet. Beim Gang vom Meeting zum Parkhaus hab ich praktisch ausschliesslich die Mails kontrolliert oder meine „missed calls“ bearbeitet. Irgendwie war ich ständig auf der Überholspur – und lief im roten Bereich. Dass das nicht unlimitiert gut gehen kann, sollte einem eigentlich der Menschenverstand sagen. Aber eben. Ich war ja ach so ambitioniert, wollte „erfolgreich“ sein, obwohl ich lange nicht mal wusste, was das eigentlich für mich bedeutete oder wie sich das anfühlen sollte. Ich wollte Anerkennung und dass jemand auf mich stolz ist. Menschlich wohlmöglich – und vermutlich geht es nicht nur mir so. Aber auf ein Lob von aussen zu warten, statt sich selbst loben zu können, zeugt doch eigentlich nicht von arg viel Cleverness, oder? Sollte man nicht primär mit sich im Reinen sein? Spüren, was einem guttut oder nicht? Wann genug ist? Wäre das nicht Resilienz in Perfektion? Wie alles im Leben beginnt die Essenz der Resilienz bei der Arbeit mit sich selbst. Resilient zu sein heisst für mich übersetzt ins Leben aber auch, in der Lage zu sein, sich vom alltäglichen Stress möglichst schnell zu erholen. Ich spreche hier nicht von Spitzensport, sondern von Gesundheit von Körper und Geist. Auch eure Seele, eure Essenz – oder wie ihr es gern nennen mögt – braucht Zuspruch und Selbstliebe (im Englischen viel treffender mit „Self-compassion“ übersetzt).

Ich hab mich dafür entschieden, aus dem Schnellzug oder Warteraum (wie es Eckhart Tolle immer wieder gern ausdrückt) auszusteigen und wieder selbst die Zügel in die Hand zu nehmen – sprich: mich zu entschleunigen, damit ich eben nicht ausbrenne und ständig etwas im Aussen hinterherhechle, bis ich nicht mehr weiss, wo mir der Kopf steht. Wer nicht bereit ist, jede noch so unwichtig erscheinende Sekunde im Leben bewusst zu geniessen, an dem wird das Leben vorbeirauschen. Schwups. Oops. Und dann kommt irgendwann im Alter das grosse Erwachen (wenn überhaupt).

In den Medien, Buchläden und Internetforen dieser Welt wimmelt es derweil von mehr oder weniger nützlichen Ratgebern, was man alles tun kann, um resilient zu sein in dieser schnellen Welt. Conscious Lifestyle, Mindfulness – all diese Begriffe kursieren nebst Resilience-Ratgebern um die Welt. Das Wissen ist da. Aber die Erkenntnis oder eben: das Sehen mit dem Herzen – ist noch weit. Nur weil wir wissen, heisst es noch nicht, dass wir verstanden haben. Schaut – es nützt nichts, Brokkoli zu essen, wenn man ihn nicht mag, auch wenn man weiss, dass er gesund ist. Es nützt nichts, Yoga zu machen, wenn man das einfach nur saudoof findet. Es nützt nichts, Ferien zu machen, ohne dass man sich wirklich und ernsthaft auch eine „Auszeit“ von den Herausforderungen und Problemen gönnt, um nicht zuletzt auch wieder etwas Distanz zu gewinnen. Spürt also (wieder), was euch guttut. Auch wenn vegan gerade im Trend liegt: Wenn ihr einen Fleischhunger habt, zeigt euch euer Körper eh gerade, was ihm guttut. Folgt ihm. Euer Körper ist nicht euer Feind. Auch nicht, wenn er krank wird. Und das Sich-selbst-Spüren gelingt einem nur, wenn man achtsam und bewusst mit sich und dem eigenen Körper umgeht – nur so bleibt man gesund! Uns spüren können wir alle. Aber da ist eben der fordernde Job.

Leider kommt fast jeder Top-Job mit einem Trade-off um die Ecke. Mehr Lohn, mehr Prestige, vielleicht mehr Gestaltungsspielraum, Aufstieg, Erfolg, Karriere, dafür Wochenendarbeit, nie mehr ohne Handy in die Ferien, jederzeit abrufbereit. Und ich sage euch, ich spreche mit so unendlich vielen Frauen in Top-Positionen, die mir alle unisono dasselbe sagen: Man wird an der Spitze unendlich einsam. Und wenn ich diese Frauen frage, was sie denn für sich selbst tun, kommt nicht selten folgende Antwort: Zähneputzen. Ach, Ladies – ist es das wert? Und noch viel mehr: Kann das dauerhaft gesund und glücklich machen? Ich denke, ihr kennt die Antwort.

Was hilft also wirklich, um bei all dem Jobstress gesund zu bleiben? Was tun, wenn es einfach nicht geht? So hart es klingt: Geht nicht gibt’s nicht. Es geht. Wenn man will. Wenn man sich dafür entscheidet. Geht nicht ist eine Bankrotterklärung vor sich selbst – und wenn man diesen Satz schon mal ausgesprochen hat, gibt man indirekt auch zu, nicht selbst Herrin seiner Lage zu sein (Ich würde ja schon wollen, aber der Job / die Umstände / die Aktionäre /sonstirgendwerschlagmichtot lassen das nicht zu). Quatsch! Wenn man das Gefühl hat, in seiner Situation geht das sicher nicht, beispielsweise regelmässig Sport zu machen, in Urlaub zu fahren, ein Wochenende zu haben, genüsslich Zeit mit der Familie zu verbringen, Sex zu haben, dann ist das schlicht und ergreifend schlechte Planung, schlechte Prioritätensetzung und schlechtes Ressourcenmanagement. Ich kann nur teilen, was mir geholfen hat. Und wenn ich das runterbreche, waren das genau zwei To-dos: 1. Loslassen und 2. Bewusstwerdung aller Dinge meines Lebens. Wer bereit ist loszulassen und bewusst zu sein, kommt im Jetzt an. Das klingt sooooo banal und ist so unendlich schwer.

Aber wer bin ich, euch zu belehren? – Ich habe durch eine schmerzliche Erfahrung mit meinem Papa eines gelernt: Jeder Einzelne muss erst seine Schmerzgrenze erreichen, um aufzuwachen, bereit zu sein, seinem Leben eine Veränderung zu geben. Bis dahin kann man schlaue Bücher lesen, Vorträgen lauschen und gute Ratschläge hören bis zum Umfallen – etwas helfen wird es nicht. Wenn ich also jeden Tag 18 Stunden arbeite, mir nichts gönne und dabei denke, dass das so sein muss, weil ich Karriere oder einfach nur einen guten Job machen will, bin ich einfach nur ein Blinder im Labyrinth des eigenen Lebens. Denn: So viel zu arbeiten ist nicht gesund. Keiner bleibt gesund, wenn er sich und seine Bedürfnisse über Jahre verneint. Keiner! Und wenn ihr sagt: „Ich finde Stress toll“ – also den positiven Stress –, „das ist doch wie Rock ’n’ Roll“, wird euch dieser Beitrag irgendwann einholen. Positiver Stress ist übrigens ebenso Blödsinn: Das Gehirn kann nicht unterscheiden zwischen Fiktion und Wahrheit und ebenso wenig zwischen gutem und schlechtem Stress, denn die Effekte auf den Körper sind immer dieselben. Stress bleibt Stress*.

Was uns zur Frage zurückführt: Kann man denn Karriere machen und dabei gesund bleiben? – Und ich sage wieder: Ja. Resilienz heisst auch: Seid okay, wenn ihr nicht okay seid**. Seid damit okay, wenn ihr mal nicht funktioniert oder etwas mal nicht so läuft wie geplant – oder ihr sogar versagt. Denn ihr stärkt eure Widerstandskräfte, indem ihr Stressfaktoren weniger Gewicht gebt.

Resilienz bedeutet schlussendlich für mich aber auch: Versöhnt euch mit euch. Mit euren Schwächen. Euren Abgründen. Sie sind ein Teil von euch! Also packt sie nicht weg in einen dunklen Keller, wo sie vor sich hin modern und irgendwann als giftiger Pilz die Wände hochklettern, bis sie in eurem Schlafzimmer sind und bis zum Dach alles haben verrotten lassen, bis euer Kartenhaus in sich zusammenfällt. Wenn ihr es nicht schafft, mit euch versöhnlich zu sein, werden eure Seele, euer Herz und euer Verstand leiden. Das ist eine Frage der Zeit.

MEIN SELBST ERPROBTER
6-PUNKTE-PLAN LAUTET DESHALB:

1. Erlaubt euch, mal keine Superwoman zu sein. I’m not Superwoman. Yeah! Wir müssen nicht jeden Tag die Welt retten, eine Heldin sein, alles im Griff haben. Erlaubt euch, auch mal nicht zu „funktionieren“.

2. Verzeiht euch. Für all die Fehltritte, die schlimmen Worte, die ihr an euch oder andere gerichtet habt in eurem Leben. Und verzeiht euch für all die Dinge, die ihr NICHT getan habt. Verzeiht euch für all die „ungenutzten“ Chancen im Leben und verzeiht euch, dass ihr andere enttäuscht habt, nicht alles gegeben habt, nicht nett wart, was auch immer: Lasst es ziehen.

3. Das Leben ist ein Spiel. Es geht um nichts! Lernt, den Weg zu lieben. Nicht das Ziel – denn das Ziel ist wie die Karotte, der man hinterhertrottet. Ich geniesse (oder versuche es zumal) sogar das Ausräumen des Geschirrspülers. Wartezeiten, zum Beispiel vor roten Ampeln im Auto oder am Flughafen, nutze ich zum Atmen und denke mir: Ah wie schön, hab ich Zeit zum Atmen geschenkt bekommen.

4. Fragt euch jeden Morgen, bevor ihr aus dem Bett steigt, wer ihr sein wollt, welche Entscheidungen ihr treffen wollt und wie ihr euch heute fühlen möchtet.

5. Und bevor ihr zu Bett geht, bedankt euch bei euch selbst für den Tag – auch wenn er bescheiden war, auch wenn er so richtig scheisse war, auch wenn ihr euch über euch oder andere mal wieder so richtig aufgeregt habt oder einfach was Schlimmes in euer Leben getreten ist. Wir lernen durch den Schmerz loszulassen, und der Schmerz macht uns unsäglich mutig. So unendlich mutig, den nächsten Schritt zu gehen. Auf dem Weg zu mehr Glück, mehr innerer Zufriedenheit. Auf dem Weg zurück zu uns.

6. Lernt, ohne Handy wieder mal das Leben um euch herum zu beobachten. Sei es im Café. In der Mittagspause. Am Flughafen. Im Zug. Ich setze mich manchmal einfach hin und schau mir alles an, was um mich geschieht. Ich sag euch: Das Leben ist so facettenreich, wild, lustig – wenn man es wieder mal in Ruhe betrachtet.

* Dr. Joe Dispenza: You Are the Placebo. Hay House Publishers. 2014.
** Nataly Kogan: Happier Now. Sounds True. 2018.


Text: Sandra-Stella Triebl         Fotos:istock.com/sandsun