Das, was wir Menschen als sichtbares Licht, als Farben, wahrnehmen, ist ein winziger Ausschnitt aus dem grossen Bereich der elektromagnetischen Wellen zwischen den kurzen Gammastrahlen auf der einen Seite und den langen Radiowellen auf der anderen. Beiträge zur Theorie der Farben und Anleitungen zum praktischen Umgang kennen wir seit rund 2500 Jahren. Wer sich aber näher damit beschäftigen will, sei gewarnt. Farben können süchtig machen.

Farben erst im Gesicht , dann in Textilien und sp äter auf Wänden Unsere Urahnen sahen den Regenbogen, sahen unterschiedliche Tiere (wobei Vogelfedern besonders beeindruckten) und sie merkten, dass Schlamm nicht nur grau war, sondern viele Nuancen haben konnte. Sie begannen mit Tierfellen, Vogelfedern und Schlamm ihren Körper zu „verändern“ – mit welcher Absicht auch immer.

Der Mensch hat später über die Jahrzehnte gelernt, Farben auf immer raffiniertere Weise herzustellen und präzise und dauerhaft einzusetzen. Wir wissen derweil, dass Farben das gesamte Spektrum menschlicher Stimmungen provozieren, begleiten oder in der Intensität beeinflussen können. Von Ruhe, Trauer, vornehmer Eleganz bis hin zu Dynamik, überschw.nglicher Lebensfreude oder gar Aufdringlichkeit.

Farben stehen für ihre Epochen, sind Zeugen des jeweiligen „Zeitgeistes“. Sie unterstützen, verstärken die Bedeutung und den Charakter der Bauwerke, ihrer Erbauer und ihrer Nutzer. Farbliche Gestaltung wurde zur Tarnung, zur Machtdemonstration für sich selbst oder für die Götter eingesetzt – oder ganz einfach auch, weil mans schön fand und seine Mitmenschen an dieser Freude teilhaben lassen wollte. Farben in der Architektur sind Moden unterworfen. Es gab Zeiten, da „durften“ Häuser nur weiss oder in diskreten, möglichst erdfarbenen Pastelltönen gehalten werden. Irgendwann wurde dies dann langweilig und die Fassaden (aber auch die Innenräume) wurden farbig, oft sogar bunt gestaltet. Lange Zeit war man überzeugt davon, dass z.B. die griechischen Tempel seit jeher in vornehmstem Marmorweiss erstrahlten – bis Gottfried Semper dann im 19. Jhdt. an geschützten Stellen der ehrwürdigen Steine Farbspuren entdeckte, diese analysierte und damit die damalige Fachwelt in helle Aufregung versetzte.

Farbe ist ein Gestaltungsmittel in der Architektur Wir wissen, dass Farben an Gebäuden vielfältige Funktionen zu erfüllen haben – technische und emotionale. Mit Kalkschlemme (aus Sumpfkalk) „geweisseltes“ Mauerwerk und Holzwerk mochten Insekten und Pilze nicht. Wiederholt auf diese Weise behandelte Holzbalken im Dach und im Stall wurden von Holzwurm, Holzbock, Faul- und Schimmelpilzen tunlichst gemieden – und hielten länger. Auch Ochsenblut wurde angeblich als Anstrich verwendet – wobei es aber Eisenoxid war, welches die kräftige rotbraune Farbe hervorrief. Eine Trutzburg war geheimnisvoll dunkel – oder selbstbewusst hell. So oder so ein Signal an einen allfälligen Angreifer. Auch an den Oberflächen von Firmen- und Verwaltungsbauten lässt sich allerhand ablesen. Im Süden ist für Innenräume eine Art Blaugrün mit Weiss beliebt. Die Räume wirken somit kühler. Farbe in der Architektur hat auch Symbolcharakter. Das berühmte „Schönbrunner Gelb“ – beinahe wie Gold, aber halt doch a bisserl billiger! Erinnert sei hier auch an die Geschichten erzählenden bunten Fassaden in Stein am Rhein und anderen Städtchen, an die Lüftlmalerei in Bayern und in Tirol, an die Trompe-l’oeil-Malerei und viele andere „Spielereien“. Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt. Wir Architekten und Farbgestalterinnen müssen uns an (Farb-)Regeln halten, die in unserer Zunft anerkannt sind. Und wenn jemand das, was er/sie an der Schule gelernt hat, nach einigen Jahren infrage stellt? An der Oper in Lyon dominiert im Inneren Schwarz. Echtes, glänzendes Schwarz. Ein Aufschrei ging Anfang der 90er-Jahre durch die Stadt, denn sowas hatte man noch nie gesehen, geschweige denn irgendwo gelernt. Heute betritt man das Entrée ergriffen mit wohligem Schauer auf dem Rücken. Das KKL in Luzern wurde vom gleichen Architekten (Jean Nouvel) entworfen. Man hat ihm den schwarzen Farbkübel „rechtzeitig“ aus der Hand genommen. Im Gegensatz zum absoluten Musikgehör gibt es keinen absoluten Farbensinn. Versuchen Sie sich irgendwo einen bestimmten Farbton zu merken, schauen Sie ihn so lange an, bis Sie meinen, ihn „aufgenommen“, „auswendig gelernt“ zu haben. Versuchen Sie diesen Farbton dann zu Hause nachzumalen und begeben Sie sich damit wieder an den Ort dieses Farbtons. Sie werden staunen. Seien Sie nicht frustriert – auch sehr erfahrenen Fachleuten gelingt das nicht.

Farbe ist Sinnesempfindung und evoziert Emotionen Mit Farbe wird Stimmung und damit Wirkung erzielt. Revolutionäre mögen bekanntlich rote Fahnen, Piraten schwarze. Politische Parteien, religiöse Gruppierungen oder Firmen sind bemüht, mit farbigen Fahnen, prägnanten Logos Identität zu stiften. Auch für unsere Altvorderen war das wichtig, damit sie auf dem Schlachtfeld wussten, wo sie hinhauen sollten und wo nicht. Eine kleine Fahne misst vielleicht 5 x 5 cm, eine grosse 5 x 5 m – und diese wirkt dann schon beträchtlich. Und damit sind wir bei einem wichtigen Thema in der Architektur: Welche Farbe in welcher Dimension in welcher Umgebung? Was in einem Farbfächer mit Mustern im Briefmarkenformat angenehm wirkt, kann auf 100 m2 Fassade unerträglich sein. Hat man einen kleinen Raum mit zu hoher Decke, kann man die Proportionen etwas „zurechtrücken“, indem man die Decke dunkel streicht. Hat man aber einen sehr grossen Raum mit eher geringer Höhe, wird man mit einem weissen Deckenanstrich genau das Gegenteil dessen bewirken, was man beabsichtigt. Die Decke „drückt“. Die „richtige“ Lösung mag überraschen. Die Decke schwarz streichen – mit einem ganz bestimmten Blauanteil! Dann erinnert sich jener Bereich unseres Gehirnes, den wir noch vom Neandertaler haben, an den Nachthimmel, und die Decke „fliegt weg“ – als wäre sie nicht vorhanden. Lichtquellen, richtig angeordnet, tun ein Weiteres.

Grau ist die Theorie – bunt die praktischen Farbkarten Zurzeit sind vor allem drei Farbtonordnungen im Gebrauch: Das RAL-System, das NCS-System und das Pantone-System (Farbe dieses Jahres ist übrigens Pantone 17-1463 Tangerine Tango). Diese decken die vom Menschen wahrnehmbaren Farben ab. Kriterien sind Vollständigkeit und technische Machbarkeit.

Le Corbusier z.B. schuf um 1930 und 1960 eine „Polychromie architecturale“ aus 63 Farbtönen, welche kombiniert bestimmte Raumwirkungen hervorrufen sollten und damit emotionale Stimmungen. Vor ihm haben sich schon der Maler Otto Runge und viele andere Farbexperten aus unterschiedlichen Motiven mit der Wirkung von Farben und Licht auf die Psyche des Menschen in verschiedenen Kulturkreisen auseinandergesetzt. Aktuell zeigen wir wieder mehr Mut zur Farbe. Das kann manchmal schiefgehen, soll aber nicht entmutigen. Farbe ist nicht nur eine hauchdünne Schicht auf irgendeiner Oberfläche, Farbe hat Substanz, Charakter, Seele. Sie vermittelt eine Botschaft.

Und auch für Farbgestaltungen gelten die Forderungen Vitruvs an ein perfektes Werk: Die FIRMITAS steht für die Festigkeit, die Dauerhaftigkeit – die UTILITAS für die Nützlichkeit und die VENUSTAS, die Anmut, rundet es zum vollkommenen Ganzen. Eine bunte Welt ist also eine interessante, schöne Welt!

Weiterführende Informationen:  www.hausderfarbe.ch, Zürich und Berlin www.fondationlecorbusier.fr, La Villa Roche, Paris Literaturtipp: Katrin Trautwein, 128 Colors, a sample book for Architects, Conservators and Designers, Birckhäuser 2010
* Maya Karácsony ist Gastautorin von Ladies Drive – und Architektin der Unternehmung „Kory-Architekten“ in Zürich


Text: Maya Karácsony
Fotos: Press