Die Provence. Die Heimat von Süsskinds „Das Parfum“. Grasse. Lavendelfelder. Olivenbäume, die eigentlich Büsche sind und keine Bäume. Unendlich erscheinende Reihen von Weinreben, die man lieber fixfertig aus der Flasche trinkt denn durchwandert. Schlösser, die Geister beheimaten sollten und doch ruhig und stoisch daliegen, Kalkfelsen, die zu Kinoleinwänden werden, und Wälder, die einen verschlingen können wie in einem Märchen.

 

Ich liebe es zu reisen, ohne einen blassen Schimmer zu haben, was mich erwartet. Wo ich nichts gelesen und in Erfahrung gebracht habe. Wo ich jeden Moment in kindlicher Neugier erleben kann. Um mich also bewusst in Unbewusstes und Unbekanntes zu stürzen, lasse ich mich meist unvorbereitet in Gespräche und Situationen hineinfallen, und insbesondere und vor allem tue ich das mit Wonne auf Reisen. Eigentlich ist es für mich schon lästig, das Navi zu bedienen. „Sä Remi en Prowenke“, sagt mir die nette Dame im Navi. Ich glaub fast, die spricht kein Französisch. Eigentlich heisst mein Ziel nämlich „Saint-Rémy en Provence“, und das klingt wie alles auf Französisch herrlich sinnlich.

So sind meine Reisen eigentlich immer auch irgendwie Sinnesreisen – und von jener Art, die mich auf immer neuen Wegen zurück zu mir führen. Wenn ich es denn zulasse und mein durch- aus smartes und offenbar perfekt vernetztes Gehirn mal auf Pause schalte. Vielleicht kennen Sie das. Den Moment, in dem man loslässt, wo keine selbst gebauten Strukturen, Konventionen und Schubladen einen mehr halten. Wo all dies nicht mal mehr notwendig erscheint. Wo Freiheit in mein Herz zurückkehrt.

Jene Freiheit, die ich im Alltag so oft vermisse. Und sobald dieses Gefühl der verbundenen Freiheit in mir einkehrt, fühle ich eine so zarte Stille – ich könnte platzen vor Freude. Da ich nunmehr weiss, dass ich mich aus meinem hoch konzentrierten, alarmierten, nahezu konstanten Fluchtmodus, der mich im Büro umgibt, aktiv rausnehmen muss, lass ich mich also gern auf Dinge ein, die ich nicht kontrollieren und voraussehen kann – um dort wieder die Stille des Glücks zu finden.

Nach gut neun Stunden Autofahrt ab Bodensee haben wir unser erstes Ziel erreicht. Das Château des Alpilles, welches mir ein PR-Manager aus Nizza empfohlen hatte. Mitten in der Nacht empfängt uns der lächelnde, sich die Augen reibende Nachtportier und schleppt unsere Koffer durch den knirschenden Kies, hinauf in den zweiten Stock des kleinen Châteaus. Auch Einschlafen kann so was von schön sein, wenn der Kopf schwer in ein weiches Kissen fällt!

Mit den ersten Sonnenstrahlen erwachen auch meine Lebensgeister von Neuem. Das Zimmer erinnerte mich an jenes meiner längst verstorbenen Tante, die stets nach Maiglöckchen und Oil of Olaz duftete, und das bedeutet hier absolut nichts Negatives oder Kritisches, ganz im Gegenteil. Das ganze Haus, jedes einzelne Zimmer, versprüht einen liebenswerten Charme und verbindet moderne Designelemente sehr spielerisch mit wundervollen alten, wuchtigen Betten, Schränken, alten, knirschenden Bodendielen mit Wurmlöchern und schweren Stoffgardinen. Die Küche ist schlicht hervorragend (vor allem das Zitronen-Soufflé), und die ärme der Besitzerinnen ist in jedem Detail zu spüren. Denn vier Frauen aus drei Generationen übernahmen die Herrschaftsresidenz 1979, renovierten sie behutsam (inklusive der Kapelle, die heute als Suite gemietet werden kann) und verzaubern sie mit ihrem Charme.

In diesem Haus aus dem Jahre 1825 mit seinen vermutlich noch viel älteren Zypressen, den Robinien, Ahornen, die aus alter Zeit zu erzählen scheinen, wenn der Wind durch ihre Blätter huscht, kann man wohl das geniessen, was man unter „Savoir-vivre“ versteht. Ein vier Fussballfelder grosser Park umgibt das Herrenhaus, zwei Nebengebäude mit weiteren eher modernen Zimmern im Loft-Stil, ein mit über 40 kleinen Koi-Karpfen bevölkerter Teich, ein angenehm geheizter Pool, Tennisplätze, alte Mauern und uralte Baumbestände verstreuen einem hier schnell die Sinne. Hausherrin Cathérine Rollin empfängt dabei jeden Gast, als wäre er Teil der grösseren Familie.

Einer der schönsten Augenblicke in diesem Château waren einerseits das Frühstück mit Blick auf die jahrhundertealte Allee von Ahornbäumen. Und andererseits die Nachmittage an der frischen Sonne bei einem Glas Wein und einer Platte regionaler Käsespezialitäten. Hm. Da erschaffen wir uns jede Menge Luxus. Kaufen uns unzählige Paar Schuhe, Schmuck und Geschmeide, Klamotten und Autos, füllen die Taschen und das Bankkonto, und dann wollen wir eigentlich alle nur in Ruhe mit einem Glas Wein und einem Stück Brot auf einer Bank sitzen und in die Sonne blinzeln? Ja. Ich denke, in der Essenz ist es genau dies.

Doch es gab noch weitere wundervolle Provence-Momente. Zum Beispiel den Spaziergang durch die Olivenhaine des Château d’Estoublon, welches unweit von Saint-Rémy in Fontvieille liegt, ebenfalls Teil des Regionalen Naturparks Alpilles. Als es Ernest Schneider, Inhaber der Uhrenmanufaktur Breitling, kaufte, lag es danieder. Vor Ort haben wir erfahren, dass damals nicht mal mehr ein Schlossgeist darin wohnte. Ein ausgiebiges Anwesen also aus dem 18. Jahrhundert mit 1.500 Quadratmeter Wohnfläche, Olivenbäumen und Weinreben, verstreut auf 48 Hektar Land. Seine Tochter Valérie und ihr Mann Rémy liessen das zerschlissene Schloss wieder aufleben und das gesamte Anwesen in nie dagewesener Schönheit erblühen.

Jedem der insgesamt 20 Zimmer gab man einen Namen und einen individuellen Look, liess Stoffe gemäss alter Zeichnungen produzieren, dekorierte mit viel Geschmack und Gespür, sodass eine kleine Oase entstand, die man nun als Gesamtes auch mieten kann. Wer nicht gerade ein rauschendes Fest plant, dem steht das Schloss mit seinem Restaurant und Delikatessen-Shop offen.

 

Doch ein Erlebnis der besonderen Art erwartete mich unweit des schönen Châteaus – in einem alten, weissen, kalten Steinbruch –, und zwar bei „Carrières de Lumières“. Kalkstein wird hier seit 1935 schon nicht mehr abgebaut. Nicht rentabel genug. Jean Cocteau war es, der den Steinbruch 1959 für sich entdeckte und zum Drehort eines seiner Filme erwählte. Vor vier Jahren entstand dann die Idee, hier ein multimediales Kulturspektakel sondergleichen zu erschaffen.

In diesen Steinbruch mit seinen hochhausgrossen, glatten Kalkwänden, Gängen und Katakomben, an die – zumal in diesem Jahr – Werke von Bosch, Brueghel oder Arcimboldo projiziert werden, will ich erst nur etwas widerwillig rein. Es ist frostig. Dunkel. Ungemütlich. Doch schon nach den ersten Projektionen, die zu Beginn von klassischer Musik begleitet werden, habe ich Gänsehaut – von den Ohren bis zum kleinen Zeh. Das Erlebnis der animierten, sich bewegenden Bilder in perfekter Abstimmung mit Musik verschiedener Genres haut mich schlicht um.

Und just in dem Augenblick, wo sich auf all diesen riesigen Wänden Schmetterlinge zu bewegen beginnen und die ersten Klänge von Led Zeppelins „Stairway to Heaven“ erklingen, kullern bei mir die ersten Tränen über die Wange, die ich verstohlen mit dem Handrücken wegwische. Ich weiss nicht, wohin mein Blick zuerst wandern soll, doch diese Bildgewalt saugt mich in sich auf. Verklärt verwirrt verlassen wir nach einer Dreiviertelstunde die steinernen Hallen wieder. „Ich hab mir das sicher dreimal schon angesehen. Einmal hab ich sogar Essen mitgebracht und mich einfach hingesetzt!“, kommentiert ein hier lebender Franzose augenzwinkernd beim Rausgehen mit bedächtig leiser Stimme. Er nickt mir wohl wissend zu. Ergriffen blicke ich noch einmal umher und kann kaum begreifen, was ich gerade gesehen und erlebt hatte. Und: Hatte ich gerade bei „Stairway to Heaven“ geweint wie ein Schlosshund? Puh. Als Teenager wäre mir das wohl mehr als peinlich gewesen.

Als wir am nächsten Tag zu einer kleinen Wanderung aufbrechen und auf Les Baux-de-Provence hinunterblicken und am Horizont gar das Meer wähnen, wird mir die monumentale, naturgewaltige Schönheit dieser Gegend aufs Neue bewusst. Wir setzen uns eine ganze Weile auf einen der kalkmatten Felsen und starren in die Ferne. Wie klein man sich inmitten der Natur manchmal vorkommt. Und wie klein und nichtig alles andere Zuhausegebliebene da erscheint. Ich versuche, die frische Luft, das Gefühl von Leichtigkeit, die unbändige Natur und die Weite in mich aufzusaugen, für einen Augenblick halte ich den Atem an, um nichts davon wieder hergeben zu müssen, wohl wissend, dass alles, was wir erlangen, seine Zeit hat und nichts davon bleiben wird, was es umso kostbarer, weil unwiederbringlich macht.

Als mich eine Bekannte später, zurück im Alltag, fragt, was wir in der Provence so getan haben, fasse ich zusammen: „Wir haben uns auf einen Stein gesetzt und rumgeschaut.“ Sie blickt mich mit tief gerunzelter Stirn an, was meine Vermutung, sie hätte Botox gespritzt, in den Wind schlägt.

DAS EINFACHE IST BESONDERS.

 

 

WAS IHR TUN SOLLTET:
Einen lokalen Wein trinken (beispielsweise den wunderbaren Rosé von Château d’Estoublon) gemeinsam mit einer XXL-Käseplatte (und ja, unbedingt Ziegenkäse!). Damit setzt ihr euch genüsslich in die Sonne. C’est savoir-vivre!

EIN MUSS FÜR MICH:
Lunch im Restaurant des Château d’Estoublon. Dinner im Hôtel de Tourrel in-Reémy (wird von einem deutschen Ehepaar geführt und hat die schönste Dachterrasse der Region). Frühstück im Garten des Château des Alpilles. Besser geht’s nicht.

 

Weiterührende Links für euch:

chateaudesalpilles.com

estoublon.com

(mit Online-Shop, falls wer eines der exzeptionellen Olivenöle bestellen möchte)

carrieres-lumieres.com

(rechtzeitig Tickets sicher und an einer wenig besuchten Randzeit besuchen, um das ganze Spektakel ausgiebig geniessen zu können)

 


Text: Sandra-Stella Triebl*
Fotos: Sandra-Stella Triebl, Château d’Estoublon & Château des Alpilles

 

*Sandra-Stella Triebl gilt als die best vernetzte Frau der Schweiz – und als erfolgreichste Verlegerin des Landes. Sie ist Unternehmerin, Schriftstellerin und jemand, der sich gerne verliebt. In Menschen. In änder. In ihre Reisen.